Berufswahlsiegel

Goetheschule erhält Berufswahlsiegel

Quelle: http://www.svz.de/nachrichten/home/top-thema/artikel/goetheschule-erhaelt-berufswahl-siegel.html

Nur noch ein paar Monate, dann heißt es auch für Patricia Gädke aus Parchim: Die Lehrstellen-Bewerbung muss raus. Die 15-jährige Schülerin der Regionalen Schule "J. W. v. Goethe" hat schon seit längerem konkrete Vorstellungen von ihrer beruflichen Zukunft. Sie möchte Medizinisch Technische Assistentin werden. Dieser Wunsch manifestierte sich immer stärker durch den Praxislerntag, den Patricia ein Schulhalbjahr lang jeden Dienstag im Mecklenburgischen Analyse Zentrum in Parchim absolvierte. "Das hat mir dort großen Spaß gemacht. Ich habe sehr viel gelernt und wurde von den Mitarbeitern immer in die Arbeit mit einbezogen", erzählt Patricia. Der Leiter des Klinisch-Chemischen Labors, Gerhard Koch, bescheinigte der Schülerin in ihrer Beurteilung sogar ausdrücklich, dass sie das Zeug für diesen Beruf hat. Zuvor hatte sich Patricia bereits ein halbes Jahr in einer Kindertagesstätte ausprobieren können und für sich festgestellt, dass sie für den Erzieherberuf entgegen ihrer ursprünglichen Meinung doch nicht geboren ist.

"Seit drei Jahren ist der Praxislerntag an unserer Schule für die neunten Klassen fester Bestandteil des Stundenplanes wie Mathematik oder Deutsch", unterstreicht Schulleiter Peter-Michael Dreeser. Statt in die Wallallee 1 geht es dann einmal in der Woche zum Unterricht in die Kfz-Werkstatt, in die Kita, ins Labor, in den Super- oder Baumarkt, ins Ingenieurbüro, in die Metallwerkstatt, die Malerfirma oder in ein anderes Unternehmen, das sich die Jugendlichen in der Regel selbst gesucht haben. Nach einem halben Schuljahr dürfen sie den Betrieb wechseln, um ihre eigenen Möglichkeiten und Interessen noch besser ausloten zu können. Auch dafür gab es jetzt im Audit für das Berufswahl-Siegel einen dicken Pluspunkt.

Einen Tag lang pflückten kürzlich Hannelore Wilken vom Bildungswerk der Wirtschaft MV e.V. in Schwerin und Projektleiterin für das Berufswahl-Siegel in unserem Bundesland, Sven Drewke, Projektmanager vom Schweriner Ausbildungszentrum e.V., Thomas Bohn, Torsten Zeigert von der Rattunde & Co. GmbH sowie Doreen Wolff von der Hydraulik Nord Fluidtechnik GmbH & Co.KG das Berufsorientierungs-Konzept der Regionalen Schule komplett auseinander. Nach ausführlichen Gesprächen mit Lehrern, Schülern, einer Elternvertreterin und mit Schulsozialarbeiter Dietmar Stein waren sie sich einig: Das Gesamtpaket ist in sich rund und praxisnah. Somit gehört die Goetheschule am 19. Juni zu den ersten Bildungseinrichtungen aus ganz MV, die in Schwerin das Berufswahl-Siegel in Empfang nehmen können. 65 Schulen haben sich um das Zertifikat beworben, das in unserem Bundesland erstmals vergeben wird und wahrlich kein Ruhepolster ist: Nach drei Jahren ist die Verteidigung fällig.

"Unsere Schüler haben in den Betrieben der Stadt einen guten Namen", betont Jörg Schappler nicht ohne Stolz. Dem seit gut 20 Jahren an der Schule tätigen AWT- und Berufsorientierungs-Kontaktlehrer sei es maßgeblich zu verdanken, dass die Schule in diesem Bereich einen so positiven Weg genommen hat, unterstreicht Peter-Michael Dreeser. Dafür spricht auch, dass in den zurückliegenden Jahren jeder Goetheschul-Absolvent am letzten Zeugnistag entweder einen Lehrvertrag in der Tasche hatte oder das Fachgymnasium vor sich, wie Sandra Rülke von der Agentur für Arbeit der Jury berichten konnte. Die Berufsberaterin bietet einmal in der Woche direkt in der Schule eine Sprechstunde für die Jugendlichen an. Die Schüler machen von dieser Beratungsmöglichkeit regen Gebrauch, besonders, wenn es in die heiße Entscheidungsphase geht.

Marco Lagoski (14) hat sich bereits entschieden: Marco möchte zur Kriminalpolizei. Wie jeder Achtklässler der Goetheschule absolvierte auch er inzwischen einen zweiwöchigen Kurs im Berufsbildungs- und Technologiezentrum der Handwerkskammer in Schwerin: Schüler bekommen dort die Gelegenheit, sich eine Woche lang in verschiedenen Berufsfeldern (u. a. Maler, Tischler, Metall, IT, Elektrotechnik, Kfz-Technik und im kaufmännischen Bereich) auszuprobieren. Eine weitere Woche lang können sie dann ihr persönliches Interessengebiet vertiefen, wie Marco der Jury anschaulich schilderte. Für die täglichen Fahrten nach Schwerin mit der Bahn kann die Schule einen Fördermitteltopf der Europäischen Union anzapfen.

Marco Lagoski gehörte im Schuljahr 2011/12 übrigens zur ersten Schülergeneration im gesamten Landkreis, die das Unterrichtsprojekt "Handeln, Erkunden, Entdecken" (HEE) absolvierte. Dieses innovative Unterrichtskonzept für die Klassenstufe 7 überträgt methodische Elemente des Produktiven Lernens in modifizierter Form in die Schule. Einmal in der Woche treffen sich die Goetheschüler einen Unterrichtstag lang in Interessen bezogenen Lerngruppen, wie zum Beispiel in einer Theatergruppe. Dabei können sie ihre sozialen Kompetenzen stärken, ihre Talente betonen, Durchstehvermögen beweisen und nicht selten über sich hinauswachsen.

Über sich hinausgewachsen ist vor wenigen Tagen auch die Goetheschul-Küchenmannschaft, zu der Patricia Gädke gehört - beim Landesfinale um den Schülerkochpokal in Rostock. Die Neunt-klässlerinnen, die erneut von Silvia Frick und Iris Bischoff auf das hochkarätige Duell am Herd vorbereitet wurden, meisterten den Wettbewerb selbstbewusst mit einem tollen 2. Platz und gaben mit ihrem Auftritt eine prima Visitenkarte für ihre Schule ab.

Viele Goetheschüler tun das ebenfalls, indem sie sich außerhalb des Unterrichtes engagieren - zum Beispiel als "Zeitenspringer" mit ihrer Lehrerin Konstanze Kraeplin in einem Geschichtsforschungsprojekt oder im Pflegeheim auf dem Vogelsang, wo sie mit ihrer Lehrerin Heike Kemsies und den Bewohnern zusammen einen Generationengarten beackern. Arbeitgeber registrieren solche Hinweise auf freiwilliges Engagement in den Bewerbungsunterlagen sehr aufmerksam. Nicht selten bildet es sogar das Zünglein an der Waage, wenn die Entscheidung um die Lehrstelle zwischen mehreren Bewerbern ausgetragen wird.